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Das Rheinische Braunkohlerevier
Die Anfänge des Braunkohletagebaus in der Kölner Bucht lassen sich nicht mehr genau
datieren, vermutlich reichen sie aber über 180 Jahre weit zurück. Fest steht,
dass 1819 beim Brunnenbau in Lucherberg ein siebeneinhalb Meter starkes Braunkohleflöz
entdeckt und 1826 durch den Grundeigentümer Freiherr Karl von Goltstein abgebaut wurde.
Weitere große Braunkohlenvorkommen wurden nach und nach zwischen Köln, Aachen und
Mönchengladbach erschlossen, 1858/59 wurde bei Neurath die erste Braunkohlengrube,
1926 in Frimmersdorf das erste Kraftwerk in Betrieb genommen.
In der niederrheinischen Bucht lagern ca. 55 Mrd t Braunkohle, davon werden rd. 90%,
in den großen Kohlekraftwerken ohne Abwärmenutzung verstromt, der Rest wird in Industrie-
und Hausfeuerungen verbrannt.
Die Braunkohle und die Schaufelradbagger
Die Braunkohle entstand über Jahrmillionen aus mächtigen Torfschichten, die sich aus
abgestorbenen Pflanzen und Bäumen zusammensetzen. Durch die Ablagerungen urzeitlicher
Flüsse sowie des langsam abfließenden Nordmeers sind die Torfschichten mit gewaltigen
Massen aus Sand und Kies überlagert. Diese sehr lockeren und instabilen Schichten,
von den Bergleuten Abraum genannt, müssen abgetragen werden, um die Braunkohle fördern
zu können, was nur im Tagebau möglich ist.

Der Kohleabbau geschieht in zwei Schritten. Zuerst fördern Schaufelradbagger den Abraum, d.h.
die über der Kohle liegenden Erd-, Kies- und/oder Sandschichten.
So ist in den Jahren von 1978 bis 1990 z.B. die Sophienhöhe entstanden, ein künstlicher Berg,
aufgeschüttet bzw. entstanden aus Tagebauabraum. Er überragt gut 200 Meter die flache
Bördenlandschaft der Kölner Bucht und gleich nebenan wächst seit 1986 ein zweiter Abraumberg
in den Himmel.
Ist der Abraum abgetragen kann die Braunkohle gefördert werden. Sie gelangt dann mittels Zügen (werkseigene Nord-Süd-Bahn) und Bandanlagen in die Grabenbunker
der Kraftwerke. Aus diesen Vorräten beladen Schaufelrad-Aufnahmegeräte wiederum Bandanlagen,
die je nach Bedarf über die sogenannte Bekohlung (Kohletrocknung und Mahlung) die Kessel mit
Kohle beschicken.
In den Tagebauen arbeiten die Giganten aus Stahl. Der größte Schaufelradbagger ist 240 Meter
lang, 96 Meter hoch und steht im Tagebau Garzweiler. Er ist nicht nur der größte im Revier,
sondern auch auf der Welt.
Mit jeder Umdrehung des 22 Meter hohen und mit 18 Eimern bestückten Schaufelrades fördert er
108 Kubikmeter Kohle oder Abraum, pro Tag werden daraus bis zu 240.000 Tonnen. Insgesamt sind
in den drei Tagebauen zur Zeit 20 Bagger im Einsatz, davon vier in Inden und jeweils acht in
Garzweiler und Hambach. Gemeinsam könnten sie täglich 3.080.000 Tonnen bewegen.
Jeder Bagger wird mit einer Leistung von 16.560 Kilowatt (Eigenverbrauch) versorgt.
Vor dem Abbau - Die Umsiedlungen
Von Anfang an brachten die riesigen Tagebaue ein Problem mit sich: Für die Gewinnung der
Braunkohle müssen gesamte Ortschaften weichen.
Der hohe Flächenbedarf des Tagebaus (Niederrhein: 240 km² Grubenfläche, mit Garzweiler II
weitere 48 km² ) führt zu großräumiger Zerstörung von Landschaft und Siedlungen (Niederrhein:
Umsiedlung von 30.000 Menschen, mit Garzweiler II weitere 8.000).
Durch die Umsiedlungen werden nicht nur Häuser zerstört, die sich schnell an anderer Stelle
wieder errichten lassen, sondern vor allem die Werte der Menschen, wie Heimat, Kultur und
Tradition einer über 1.000jährigen Geschichte, die sich weder mit Geld bemessen, noch durch
eine Umsiedlung ersetzen lassen.
Beispiel Garzweiler. Heute trägt der Tagebau den Namen des Ortes, der inzwischen von der
Landkarte verschwunden ist. Jahrelanger Streit und etliche Gerichtsverfahren zeigen,
dass sich nicht immer einvernehmliche und sozialverträgliche Lösungen mit den Einwohnern
finden lassen.
Auch die Zukunft wird zwangsweise Umsiedlungen mit sich bringen, im Zuge der Anschlusstagebaue
Garzweiler II, Hambach und Inden II werden weitere Bürger in den nächsten 40 Jahren nach
und nach von Umsiedlung betroffen sein.
Der Eingriff in die Natur
Jeder Braunkohletagebau stellt einen massiven Eingriff in die Natur dar. Die reiche Artenvielfalt
der Tier- und Pflanzenwelt verschwindet aus der Region und die Flüsse verlieren durch Umleitung,
Kanalisierung und Regulierung ihre natürliche Funktion als Retentionsraum bei Hochwasser.
Das Hauptproblem aber ist die nötige, großräumige Ansenkung des Grundwassers um bis zu 500 Meter,
die sogenannte Sümpfung. Dies wird notwendig, damit die Tagebauböschungen unter dem Wasserdruck
nicht einbrechen. Die Grundwasserabsenkung lässt sich aber nicht auf das Gebiet des Tagebaus
beschränken, sondern hat für weite Kreise enorme Auswirkungen.
Die Grundwasserabsenkungen werden mit der Erschließung von Garzweiler II ein Gebiet von 3.000 km²
Größe beeinträchtigen, das bis nach Holland und ins rechtsrheinische Gebiet reicht.
Diese Sümpfung wirkt sich negativ auf die Vegetation aus, denn Pflanzen und Bäume sind auf das
Oberflächen- und Grundwasser angewiesen sind. Moore, Feuchtgebiete und Auenbereiche verschwinden.
Besonders betroffen sind die Feuchtgebiete am Niederrhein nördlich des Reviers bei Garzweiler,
wo durch den beginnenden Tagebau Garzweiler I bereits irreversible Schädigungen eingetreten
sind an Feuchtgebiete von internationaler Bedeutung.
Um diese Schäden zu beseitigen und eine weitere Austrocknung zu verhindern, wird versucht diese
Gebiete mit Hilfe von künstlichen Einspeisungen zu versorgen.
Über Jahrzehnte hinweg soll die ökologische Substanz durch Direkteinleitungen sowie Sickergräben
mit Grabensystemen bewahrt werden, bevor im Jahr 2045 die Natur wieder die Kontrolle übernimmt.
Welche ökologischen Folgen dieser Eingriff haben wird, wird erst die Zeit zeigen.
Die großflächige Grundwasserabsenkung führt letztlich auch zum Versiegen vorhandener
Trinkwasserbrunnen, neue weitaus tiefere Brunnen müssen gebohrt werden um die
Grundwasservorkommen zu erreichen. Grundwasserströme werden durch die extremen "Tagebausenken"
behindert bzw. gänzlich unterbrochen.
Die bei der Braunkohleverbrennung anfallenden Aschen, Filterstäube und sonstigen Rückstände
werden in die ausgekohlten Tagebaue verkippt und das sind immerhin Millionen Tonnen.
Steigt nach Abschluß der Tagebautätigkeit und Abschaltung der Sümpfungspumpen der
Grundwasserspiegel wieder auf das alte Niveau an, besteht die Gefahr der Verunreinigung des
Grundwassers durch eben diese "Reststoffe".
Ein weiteres Problem liegt in der Freisetzung versauerungsempfindlicher Erdschichten, die mit
dem Tagebau an die Oberfläche gelangen. Durch die Vermischung mit Luftsauerstoff und Niederschlägen
können sich im später wieder ansteigenden Grundwasser Säuren bilden, was zu einem riesigen
unterirdischen Säurebecken führen würde. Auch hier ist nicht klar, ob die geplanten
Abpufferungsmaßnahmen das Problem lösen und beseitigen können.
Trinkwasser ist unser Lebensmittel Nummer 1. Es ist für alle Menschen unverzichtbar und muss
daher in bester Qualität und in ausreichender Menge zur Verfügung stehen. Die verantwortungslose
Vernichtung wichtiger Grundwasservorkommen durch den Braunkohletagebau sollte jedem Sorgen bereiten.
Durch die Grundwasserabsenkung entstehen erhebliche Bergsenkungsschäden noch weit entfernt
von den Tagebaugruben. Das sind nicht nur Gebäudeschäden an Einfamilienhäusern, Kirchen, Schlösser
und anderen Jahrhunderte alten Baudenkmälern, sondern auch an Kanal- und Wasser- und Gasleitungsnetzen.
Um die beim Abbau und Transport der Kohle entstehende Staubentwicklung zu reduzieren wird versucht,
die freigelegte Abraum- und Kohleflächen durch bewegliche Regenautomaten feucht zu halten oder
durch Einsaat von Gras, Raps oder Getreide zu befestigt. Außerdem versprühen Düsen an den
Schaufelrädern des Baggers und den Bandübergabestellen sowie am Tagebaurand installierte
Beregnungsmaste feine Wasserschleier, um den Staub niederschlagen.
Die Kraftwerke und der Klimaschutz
Fünf Kraftwerke im Revier betreibt die RWE Power an den Standorten Weisweiler, Knapsack, Neurath,
Frimmersdorf und Niederaußem, dem modernsten Braunkohlenkraftwerksblock Europas mit einem
170 Meter hohen Kesselhaus und 200 Meter hohen Kühlturm.
Trotzdem treffen hier moderne Kraftwerkstechnik und die Ansprüche des Klimaschutzes
unvereinbar aufeinander. Das Problem: Braunkohle ist ein fossiler Brennstoff mit hohem Wassergehalt
und vergleichsweise geringem Brennwert. Bei der Verbrennung erreichen die Emissionen des
Treibhausgases Kohlendioxid Höchstwerte.
Bei den geringen Wirkungsgrades der Kraftwerke von knapp 30 bis 35,5 Prozent werden bis zu
70 Prozent der in der Kohle enthaltenen Energie ungenutzt in die Atmosphäre abgegeben.
Auch der modernste Kraftwerksblock in Niederaußem erreicht nur einen Wirkungsgrad von
ca. 43 Prozent. Und das Konzept der zentralen Großkraftwerke schließt eine Abwärmenutzung
weitestgehend aus.
Was fehlt sind wirkliche Alternativen. Atomstrom ist in Deutschland zur Zeit kein Thema,
könnte aber wieder eins werden.
Erneuerbare Energien aus Sonne, Wind oder Wasser machen einen zwar steigenden, aber immer
noch zu geringen Anteil an der Stromerzeugung aus. Was bleibt ist die Hoffnung auf den Fortschritt.
Das Leben nach den Baggern
Wenn die Bagger wieder abziehen, müssen die betroffenen Landschaftsbereiche wiederhergestellt
werden. Dabei kehren nur in den seltensten Fällen die Menschen an die alten Orte zurück.
Im Rahmen der Rekultivierung wird nicht unbedingt der Natur- und Artenschutz berücksichtigt,
weshalb hauptsächlich landwirtschaftliche Nutzflächen entstehen. Andere Grünstrukturen mit
Hecken, Feldgehölzen sowie zusammenhängende Waldgebiete (Jahrhunderte alte Wälder fielen
dem Tagebau zum Opfer) werden nicht im gleichen Masse angelegt wie sie vor der Braunkohlengewinnung
einmal vorhanden waren.
Da das zurückbleibende Tagebaurestloch nicht wieder verfüllt werden kann, wird dort ein Restsee
angelegt. Eine nicht sehr sinnvolle Lösung, da die Materialien die in dem Abbaugebiet noch
enthalten sind u.a. Schwefeleisenmineralien, sich in Verbindung mit Wasser zu Schwefelsäure
umwandeln. Die Folge hieraus ist, dass sowohl Restsee als auch Grundwasser und die in der
Umgebung liegenden Böden versauern.
Der Aus- und Überblick: 2044 ist alles vorbei
Für viele Jahre noch wird die Region als das Energiezentrum Europas gelten aber mit den
drei aktiven Tagebauen sind die letzten Braunkohle-Lagerstätten aufgeschlossen worden.
Im Jahr 2030 werden die Bagger in den Tagebauen Inden und Hambach die Abbaugrenzen erreichen,
2044 schließlich auch in Garzweiler.
Mit dem Verfüllen der Tagebaugruben und den neu entstehenden Landschaften wird nicht nur
die Region ihr Gesicht verändern, auch die Wirtschaft wird sich neu orientieren und
ausrichten müssen - auf ein Leben nach der Kohle.
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